In Rottweil war und ist keine „Gäubahn“!

28. Dezember 2015

Kreis Rottweil. In Oberndorf war gerade ein Vortrag über die Geschichte der Gäubahn. Dabei kam – wieder einmal – heraus, dass in Rottweil nie eine „Gäubahn“ war. Warum lassen wir uns diesen Namen immer noch gefallen, der ist nämlich absolut keine Werbung!

Die Gäubahn, so das Fazit, war ursprünglich die Strecke Stuttgart – Freudenstadt. 1927 erfolgte der Namenswechsel für die seit 1907 zweispurig geplante Trasse Stuttgart – Singen. Somit hat man hier allen Grund zu Verwechslung. (Bote 27.12.15)

Früher hieß unsere Strecke „Neckarbahn“, was schon viel, viel besser klingt! „Gäu“ für Rottweil ist auch geografisch falsch! Die Verwechslung ist nämlich nicht das Problem, sondern das Wort „Gäu“, das für jeden von Konstanz bis Berlin gleichbedeutend mit „hinter dem Mond“ ist. Warum wollen wir unbedingt hinter dem Mond sein? In dem Vortrag wurde von einem Schnellzug geredet, der damals von Berlin über ROTTWEIL nach Zürich fuhr – nach Fahrplan!

Herrgott, können sich die Anliegergemeinden nicht zusammensetzen, sich auf einen modernen Namen einigen und den der Bahn vorschlagen und dort durchsetzen. Das kann nicht so schwer sein. Die Bahn ist für unsere abgelegene Gegend genauso wichtig wie die Autobahn. Ein Name kann viel bewirken! Sonst sind doch auch alle so werbegeil, nur da nicht!

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8 Antworten to “In Rottweil war und ist keine „Gäubahn“!”

  1. Schantle Says:

    … den Referenten des Abends, Rudolf Meintel, vor, der über die Gäubahn sprach.

    Meintel war Betriebsbezirksleiter Sicherheit beim Bahnhof Horb und beschäftigt sich mit der lokalen Geschichte der Eisenbahn.

    Als Einführung in diesen Abend ging der Referent auf die Geschichte der Königlich Württembergischen Staatsbahnen ein. 1845 wurde in Württemberg unter König Wilhelm I. die erste Strecke Stuttgart – Cannstadt eröffnet.

    Entgegen anderen Herrschern, die auf private Eisenbahngesellschaften setzten, wollte König Wilhelm I. eine Staatseisenbahn, die ihm zuverlässiger erschien als gewinnorientierte Unternehmen. Die erste Bahn sollte Heilbronn mit Friedrichshafen verbinden. Es gab aber dabei zwei Schwierigkeiten: zum einen das Überfahren fremder Gebiete, also anderer Staaten, und zum anderen technische Schwierigkeiten wie Tunnelbauten oder Bergstrecken. Robert Gerwig hatte die geniale Idee, statt Spitzkehren Kehrtunnels in den Berg zu treiben, um Höhenunterschiede leichter überwinden zu können.

    1857 wurde beschlossen, eine Strecke in die Schweiz zu bauen; Basel sollte das Ziel sein. Die einfachste Lösung war eine Trasse entlang des Neckars. Es ging auch anfangs schnell voran: Reutlingen wurde 1859, Rottenburg 1861 erreicht. Dann aber kam die Politik ins Spiel: die hohenzollerischen Lande, seit 1850 von Berlin aus verwaltet. Mit viel Diplomatie konnte erreicht werden, dass man 1866 bis Horb bauen konnte.

    Mit der Gründung der Eisenbahn wurde auch die Esslinger Maschinenfabrik ins Leben gerufen. Die ersten Lokomotiven wurden aus den USA importiert, so Rudolf Meintel, und auch die ersten Waggons, die in Württemberg als „Interkommunikationswagen“ vierachsig ausgeführt waren, wobei man von einem Wagen in den anderen gehen konnte.

    1867 war die Strecke von Plochingen bis Talhausen fertig gestellt und Oberndorf an das Bahnnetz angeschlossen. Es fuhren vier Züge pro Tag.

    1870 war die „Obere Neckarbahn“ bis Immendingen vollendet. Doch was war mit der Gäubahn? Freudenstadt wollte auch an das Schienennetz angeschlossen werden.

    Von Stuttgart sollte die Strecke über Eutingen im Gäu nach Freudenstadt führen. Die Reparationszahlungen von Frankreich aus dem Krieg von 1870/71 machten vieles bezahlbar. 1874 fuhr der erste Eilzug mit Halt in Oberndorf von Stuttgart nach Zürich. 1879 war die Gäubahn von Eutingen nach Freudenstadt fertig gestellt.

    Auch auf die Frage nach der Fahrsicherheit ging der Referent ein, die sich erst mit den größeren Geschwindigkeiten zu einem Problem entwickeln sollte. Ein Kuriosum war, dass der Schnellzug Berlin – Zürich nach der Abfahrt aus Plochingen das erste Mal um 2.30 Uhr in Oberndorf hielt….

    Schwabo

  2. Oberndorfer Narro Says:

    Lieber Schantle,
    Oberndorf hat seine Endung „Dorf“ behalten, obwohl es eine Stadt ist. Noch deutlicher ist dies bei Düsseldorf zu erkennen. Gau oder Gäu ist kein Abwertung: Linzgau, Thurgau, Vintschgau oder das Allgäu, vom Alpengau abgeleitet.

  3. Klabautermann Says:

    Wie wäre es denn mit der Bezeichnung „Leninbahn“.

    Der saubere Herr Lenin wurde doch damals von Zürich

    kommend über Singen nach Stuttgart geleitet.

    Natürlich im verschlossenen Waggon. Damit er nicht

    in Stuttgart abhaut und irgendwo Linse mit Saitenwürstle

    isst.

  4. Schantle Says:

    Oberndorfer Narro,

    wenn einer in Berlin Gäu hört, dann weiss er nicht mal, was das ist und er macht den Deckel zu, interessiert keinen, nix Kohle. Gäu klingt nach abgelegener Wiese, ein paar Hecken, einem Frosch, unbewohnt, kein Licht, kein Leben, stinklangweilig, viel Schlaf, tote Hose, wenn überhaupt ein Norddeutscher was mit dem Wort anfangen kann. Das Wort Gäu ist auf Hochdeutsch gar nicht bekannt, das sagt keiner.

    Wir brauchen aber Aufmerksamkeit, Subventionen, ein zweites Gleis, Marketing, Reisende! Welche Werbefirma würde eine Gäujeans, ein Gäushirt, ein Gäuauto, ein Gäuhaus, einen Gäutanz, eine Gäufabrik, eine Gäudisco und so weiter bewerben oder als Ausdruck erfinden. Der Name ist eine Zumutung!

    Und er ist eine doppelte Zumutung, weil die Kreise Rottweil, Tuttlingen, Singen an der Bahn entlang gar nicht zum Gäu gehören. Der Name Gäubahn gehört schon längst geändert, den benutzt in Rottweil auch kein Mensch. Man muss sich doch nicht absichtlich in die Wüste versetzen.

  5. Oberndorfer Narro Says:

    @ Lenin-Bahn
    „Lenin-Bahn“ wäre doch ein bisschen übertrieben, zumal die beiden Lenin-Waggons nach ursprünglichem Plan von Singen über die Schwarzwaldbahn nach Karlsruhe fahren sollten. Da diese Linie zu nahe an der Kriegsfront zu Frankreich verlief und vorrangig dem militärischem Nachschub diente, wurden die beiden Waggons, die immer nur an Regelzüge angekoppelt wurden, von Singen über Tuttlingen – Rottweil- Horb nach Stuttgart, entgegen dem ursprünglichen Plan, geführt. Michael Pearson schreibt in seiner Dokumentation: „Der plombierte Waggon“, Universitas, 1977, S. 74 f. über den 10. April 1917: „Der Zug fuhr in sanftem Bogen in Rottweil ein. Die Reisenden konnten die drei [?] Kirchtürme der mittelalterlichen Stadt sehen, die das Gewirr der hohen alten Backsteinhäuser überragten. Sie ließen den Bahnhof hinter sich und überquerten zwei Neckarbrücken“. Fritz Platten, ein Schweizer Sozialist, der den Zug begleitet hatte und für sich in Anspruch nimmt, die Lenin-Reise organisiert zu haben, gibt den Streckenverlauf irrig über die Schwarzwaldbahn an. Da sich viele Geschichtsbücher auf ihn als Augenzeugen berufen, kolportieren sie diesen und andere Fehler. Auch waren die beiden Waggons nicht durchgehend verplombt. Der Übergang zu den mitfahrenden Deutschen Offizieren war durch einen Kreidestrich markiert, den aber nur der Schweizer Fritz Platten übertreten durfte. Dieser war 1921 Mitbegründer der Kommunistischen Partei der Schweiz, musste zurückgekehrt ins vermeintlich sozialistische Paradies Russland 1937 die Erschießung seiner vierten Frau Berta Zimmermann als angebl. Spionin miterleben, wurde 1938 selbst im Rahmen einer stalinistischen Säuberung zu Arbeitslagerhaft verurteilt und starb im Jahre 1942 am 22.04., Lenins Geburtstag, im russischen Lager Kargopol. – Die Revolution frisst ihre Kinder.

  6. Oskar A. Says:

    Der Name Gäubahn ist genauso schlimm wie die frühere Bezeichnung für die Heubergbahn (aufgelassene Strecke von Spaichingen nach Reichenbach). Da denkt man doch gleich an Schafe und Kühe als Wegelagerer auf den Gleisen. Die Schafe und Wegelagerer waren aber damals unsere Politiker, die das Image der Neckarbahn versaut haben. Unten wird der ursprüngliche Name auch gut erklärt. Der Begriff ist dennoch besch…! Vom Zuckeltempo im Neckartal her kann es einem manchmal schon so vorkommen. Wir hätten sicher eine bessere Bezeichnung (?), wenn man spätestens mit der Elektrifizierung auch wieder das zweite Gleis (teilweise) eingebaut bzw. die zweigleisigen Ausweichstrecken konsequent realisiert hätte. Das Problem war eben, die Tunnelhöhe und -breite hätte auch nicht mehr ausgereicht. Und die Koordination mit der Weiterführung des Ringzuges ist ja problematisch geworden, da die DB dann ihre Züge nicht mehr in Oberndorf und Sulz hätte halten lassen. Ich befürchte, dass die dortigen Haltestellen über kurz oder lang auch aufgegeben werden. Vielleicht wäre der Name „Teufelszug“ besser gewesen. 😉 Auf der Schwarzwaldbahn funktioniert alles wesentlich besser, obwohl diese Strecke extrem kurvenreich und tunnelbelastet ist.

    http://www.gleissued.de/index.php/wissenswertes/daten-und-fakten-%C3%BCber-die-g%C3%A4ubahn.html

  7. Schantle Says:

    Das mit Lenin ist mir neu????
    Warum haben die Roten hier keinen Gedenktag?

  8. Oberndorfer Narro Says:

    Lieber Schantle, ich kenne folgende Quellen:
    Pearson, Michael: Der plombierte Waggon, Universitas Verlag Berlin, 1977;
    dto. Ausgaben 1982 und 1984, antiquarisch und als Taschenbuch 1990 neu verlegt angeboten.
    Titel der englischen Originalausgabe: The sealed train; ins Deutsche übersetzt von Götz Pommer.
    Weiterhin: Platten, Fritz: Die Reise Lenins durch Deutschland im plombierten Wagen, isp-Verlag Ffm, 1985; nur antiquarisch zu erwerben.
    isp-Verlag steht für „internationale sozialistische publikationen“. Das Buch hat inhaltliche und orthografische Fehler. Da Platten im Zug mit fuhr, gilt er als Augenzeuge und seinen Angaben wird Glauben geschenkt.
    Noch ein Wort in eigener Sache: Das Lesen linker Literatur kann auch dazu führen, dass man konservativ wird.


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