Warum wählen Russlanddeutsche AfD?

18. März 2016

Region Rottweil. Die CDU hat auf dem Hegneberg 30 Prozent verloren, und die AfD kriegte 39,4 Prozent! In Villingen ist das ähnlich. Im Schilterhäusle kriegte die AfD als stärkste Partei 42,1 Prozent, gefolgt von der CDU mit mickrigen 14,8 Prozent. Warum? Das sagt der Bote:

Warum die AfD bei Spätaussiedlern punktet

Villingen-Schwenningen – Das Ergebnis war ein Paukenschlag: Im Schilterhäusle holte die AfD bei den Landtagswahlen sage und schreibe 42 Prozent. Doch was sind die Gründe? Spurensuche in einem verunsicherten Viertel.

Wenige Tage nach der Wahl im Schilterhäusle – es ist ein trüber Tag im zentralen Stadtviertel zwischen Villingen und Schwenningen. Zwei ältere Frauen lehnen an einem grauen Stromkasten und plaudern. Von ihrem Platz aus können sie weite Teile des Viertels sehen, die vierstöckigen Wohnblöcke, die große Wiese, den Kindergarten. Die Frauen sind Spätaussiedler, wie viele andere hier auch. Zur Wahl, erzählen sie, sind sie nicht gegangen, verändert hätte das ja ohnehin nichts. CDU? Grüne? SPD? „Das ist doch eh alles das Gleiche“, findet die eine. Die andere nickt.

„Politik muss sich ändern“

Wenige Meter weiter steigt ein etwa 30-jähriger Mann aus einem Bus. Er trägt eine Schiebermütze und eine dicke Winterjacke. Er hat gewählt, berichtet er, und zwar die AfD. „Mir gefällt, was die sagen“, betont er. Vor allem im Hinblick auf das Thema Flüchtlinge. Viele Menschen würden fliehen, obwohl sie nicht aus dem Krieg kommen. Seine Forderung: „Merkel muss die Politik ändern.“

So wie er scheinen es viele Menschen zu sehen im Schilterhäusle. Zumindest legen die Zahlen das nahe. An keinem anderen Ort in VS war die AfD erfolgreicher als hier. Mit 42,1 Prozent der Stimmen ist sie eindeutig die stärkste Kraft, gefolgt von der CDU mit mickrigen 14,8 Prozent. Zum Vergleich: Ihr zweitbestes Ergebnis erzielte die AfD mit 34,8 Prozent in der Wöschhalde, im Steppach 27,8 Prozent – ebenfalls Wohngebiete mit einem hohem Anteil russlandeutscher Bewohner. Stadtweit lag die AfD bei knapp über 17 Prozent.

Und noch etwas ist bemerkenswert am guten Abschneiden der Partei im Schilterhäusle: Die Wahlbeteiligung ist im Vergleich zur vorangegangen Landtagswahl geradezu emporgeschnellt. Mit 41,4 Prozent liegt sie zwar immer noch unter dem Durchschnitt, aber deutlich höher als 2011, als nur 24,5 Prozent der Wahlberechtigten hier den Weg ins Wahllokal auf sich nahmen – damals der niedrigste Wert in der ganzen Stadt.

Wie aber ist das zu erklären? Wieso hat es die AfD geschafft, so viele Wähler zu mobilisieren? Und warum scheinen die Positionen der Partei gerade bei Russlanddeutschen vergleichsweise gut anzukommen?

Ein junger Mann mit russlanddeutschem Hintergrund steht an der Straße und wartet auf den nächsten Bus. Auch er hat die AfD gewählt, sagt er. Er sei Leiharbeiter, verdiene gerade einmal 1100 Euro netto im Monat. Jetzt, mit den Flüchtlingen, habe er Angst vor noch mehr Konkurrenz. „Uns geht es nicht so gut, wie die Politik immer meint.“

Wer mehr erfahren will über das Schilterhäusle, über seine Geschichte, die Bewohner, die Stimmung, der sollte mit Gabriele Cernoch-Reich sprechen. Kaum einer kennt das Viertel so gut wie sie. Cernoch-Reich ist Mitglied in der Bewohnerinitiative „Schönes Schilterhäusle“. Und sie ist eine Bewohnerin der ersten Stunde. 1996 zog sie in ein Reihenhaus in dem neu entstehenden Stadtteil, in dem viel günstiger Wohnraum geschaffen wurde. „Wir haben hier eigentlich nie Probleme und immer ein freundliches und unterstützendes Nachbarschaftsverhältnis“, berichtet Cernoch-Reich. „Das ist hier absolut kein Problemviertel.“

Dennoch, das sagt sie offen, hat sie das gute Abschneiden der AfD im Schilterhäusle in den Tagen nach der Landtagswahl beschäftigt. Sie glaube, dass es eine allgemeine Verunsicherung gebe angesichts der derzeitigen politischen Situation. „Ich denke, viele Familien haben sich hier eine Grundlage geschaffen und jetzt existenzielle Ängste.“ Die Flüchtlingskrise sei dabei nur ein Grund für den Erfolg der AfD. Den großen Parteien sei es insgesamt nicht gelungen, Zuversicht und Vertrauen zu schaffen. „Die Politik muss auf die Situation reagieren, um die Menschen mitzunehmen“, findet sie.

Dieser Mangel an Vertrauen in die etablierte Politik scheint ein idealer Nährboden für die AfD zu sein. Fakt jedenfalls ist: Die Partei hat im Wahlkampf viel getan, um die Gruppe der Russlanddeutschen zu erreichen. Sie hat die Menschen gezielt angesprochen, auch mit russischsprachigen Flyern. Und Wahlkreiskandidat Markus Frohnmaier, ein dezidierter Kritiker der westlichen Russlandpolitik, trat sogar im russischen Fernsehen auf. „Es war immer unser Anliegen, die Spätaussiedler für die AfD zu gewinnen“, sagt Frohnmaier, der potenzielle Schnittmengen sieht zwischen den Positionen seiner Partei und den Einstellungen vieler Russlanddeutscher. Diese besitzen oft konservative gesellschaftspolitische Einstellungen, so Frohnmaier. „In der Union fühlen sich viele von ihnen nicht mehr zuhause.“

Auch in der Wissenschaft hat man frühzeitig davon Notiz genommen. Alexander Hensel, Politikwissenschaftler am renommierten Göttinger Institut für Demokratieforschung berichtet aus Forschungen zum AfD-Wahlkampf und erklärt: „Die rechtskonservative Kernagenda der Partei scheint in russlanddeutschen Communities durchaus zu verfangen.“ In schwierigen Zeiten versprechehttps://cms.sirweb.de/cmsApp/start die AfD eine Rückkehr zum Altbewährten, fordere mehr Innere Sicherheit, den Erhalt traditioneller Familienstrukturen oder eine Stärkung des Nationalbewusstseins.

Kritik an Asylpolitik

Auch die AfD-Kritik an der Asylpolitik, dem Islam und an den Wirtschaftssanktionen gegen Russland stoße vielfach auf positive Resonanz. Dahinter stünden Verlust- und Abstiegsängste, man wolle den erreichten gesellschaftlichen Statuts nicht verlieren, berichtet Hensel und erklärt weiter: „In Gesprächen mit deutsch-russischen Sympathisanten der AfD spielten auch negative Erinnerungen an die wirtschaftliche und politische Krise in Russland in den 1990er Jahren eine Rolle.“

Zu jener Zeit ist auch Viktor Holzhäuser aus Russland nach Deutschland gekommen. „Das war 1989“, erinnert sich der Mann, der im Steppach wohnt. Und er weiß auch noch genau, wie die Bevölkerung damals reagiert hat. „Die Deutschen hatten damals Angst – nicht ganz grundlos, wir haben auch Mist gebaut“, gibt er zu und lacht. Aber das, was sich die Flüchtlinge heute erlauben würden, wäre etwas anderes: „Die arbeiten nichts und verlangen viel.“ Überhaupt seien zu viele Muslime hier, er habe Sorge, dass die Stadt „islamisiert“ werde. „Wenn es so weiter geht, dann sehe ich keine Zukunft für Deutschland.“

„Waren auch Flüchtlinge“

Zurück im Schilterhäusle: Durch das Wohngebiet, das vor allem dank des Klinik-Neubaus einen Aufbruch erlebt, schlendert ein älteres Ehepaar aus Kasachstan, das seit rund 20 Jahren hier lebt. Dass die AfD hier so gut abgeschnitten hat, überrascht sie. „Wir wählen immer CDU, die haben uns damals geholfen“, erzählt die Frau. Sie erinnert sich zurück an die schwierige Zeit und sieht Parallelen zu den aktuellen Geschehnissen. „Wir waren auch Flüchtlinge damals, es ist doch klar, dass sich die Menschen etwas Besseres suchen.“ Ihr Mann lächelt und stimmt ihr zu. Dann sagt er: „Wissen Sie, wir haben hier alles: eine Wohnung, eine Rente – wir sind zufrieden.“

SchwaBo VS 17.3.16

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10 Antworten to “Warum wählen Russlanddeutsche AfD?”

  1. Friederika Says:

    Na ja, etwas einseitig der Artikel. Es gibt durchaus auch Russland-Deutsche, die eine ordentliche Rente beziehen, obwohl sie niemals in Deutschland gearbeitet haben.
    Und in Fabriken mit internationalem Frauenanteil (vorher Niedrig- jetzt Mindestlohnniveau) „regieren“ die russischen Damen und sehen auch in manch einer Deutschen / Einheimischen eine Konkurrentin.

  2. AOL-User Says:

    Rußlanddeutsche wählen vermutlich deshalb AfD, weil sie ihren Verstand noch nicht verloren haben wie die Politiker der etablierten Parteien und die umerzogenen Wähler derselben.

  3. ewing Says:

    Warum wohl? Keine Ahnung, ist doch alles toll hier!
    (Ironie aus)

  4. Häberle Says:

    OT: Lothar Spät ist heute verstorben. Wenn man sich das aktuelle Führungspersonal der CDU auf Landes- und Bundesebene anschaut wird einem erst bewusst, welche Lücke der Verlust einer solche großen Persönlichkeit hinterläßt.

  5. Friederika Says:

    OT: Ex-Außenminister: Guido Westerwelle ist tot

    Er starb nach langem Kampf gegen den Krebs: Guido Westerwelle ist tot, er wurde 54 Jahre alt. Der FDP-Politiker und frühere Bundesaußenminister hatte sich schon 2014 aus der Politik zurückgezogen.

    Quelle: Spiegel-Online, 18.03.2016

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/guido-westerwelle-ist-tot-a-1083096.html

  6. Klabautermann Says:

    Die älteren Deutschen aus Russland wählen die CDU.

    Weil ihnen die Regierung Kohl und auch der Funcke –

    Erlass zugute kamen.

    Bevorzugung über zwei Generationen !!!

    Und auch die Renten sollen üppig sein.

    +++++

    Die Jungen der Russland – Deutschen sind nicht so auf

    Rosen gebettet.

    Die müssen sich dem Wettbewerb stellen.

  7. Pegasus Says:

    Ich war doch sehr überrascht das zum ersten Mal im Benz-Markt in Rottweil das Magazin „Blickpunkt Rottweil“ ausgelegt war. Hat die Stadt Rottweil jetzt nachdem auf dem Hegneberg 39,4 % AfD gewählt haben die Russlanddeutschen wieder entdeckt? Aber keine Bange die Russlanddeutschen lassen sich nicht so leicht einwickeln wie die meisten Einheimischen. Praktisch keiner interessiert sich für den Inhalt dieses Blickpunkts, in dem übrigens der „Flüchtlingshelfer“ Hubert Nowack Werbung geschaltet hat. Auf dem Hegneberg und auch im Zimmerner Grund wurden vor der Wahl Flugblätter mit dem Titel „Widerstand ist jetzt Pflicht für jeden Bürger“ verbreitet mit dem verkürzten Inhalt das die etablierten Parteien CDU/CSU, SPD und die Grünen massiv die Nazis in der Ukraine unterstützen und es mit Hilfe der USA, EU und NATO zu einem Umsturz gekommen ist, der zur Folge hatte das mehrere tausend Frauen, Kinder und Soldaten in der Ostukraine (russischstämmige Menschen) getötet wurden. Diese Toten haben die etablierten Parteien CDU/CSU, SPD und die Grünen auf dem Gewissen. Auch ist es offensichtlich das alle etablierten Parteien unseren freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat zugunsten einer EU-Diktatur beseitigen wollen. Beweise waren in Form von Quellenangaben an diesem Flugblatt angehängt. Die Russlanddeutschen mussten schon einmal in Kasachstan unter Muslime leben und sich erniedrigen lassen. Das wollen sie nie wieder erleben. Sie wollen ihre neue Heimat bewahren und letztlich frei ohne Zwang leben. Nach dem Ausschlußverfahren blieben eigentlich nur noch die AfD oder die Linken übrig wo man ein Kreuz setzen konnte.

  8. Pegasus Says:

    @Friederika: Man soll ja nichts schlechtes über Tote reden, aber als Politiker hat er praktisch ausschliesslich im Intersse der EU gehandelt. Deutschland hatte er vergessen, so wie es auch die Merkel, Gabriel, Steinmeier und ihre Anhänger tun.
    Im Juli 2013 hat die Ukraine ein Zeichen für ihre Souveränität gesetzt und Monsanto und den IWF aus dem Land gejagt. Und jetzt will angeblich das gesamte ukrainische Volk in die EU? Wollen also ihre Souveränität abgeben und von Figuren aus Brüssel gegängelt werden? Nein, es gibt Beweise, dass es sich um bezahlte Demonstranten gehandelt hat! Westerwelle traf sich NUR mit der Opposition, und was verschwiegen wird: In einem Misstrauensvotum ist diese Opposition kläglich gescheitert. Das Parlament hat die Regierung bestätigt! Westerwelle war Aussenminister der EU? Warum sagte er kein Wort zu Deutschland? Was sind die Werte der EU? Gleichschaltung und Verfolgung Andersdenkender? Lohndumping und Ausbeutung? Gen Nahrung und Fracking? Wer steckte hinter den Protesten? Wer steckt hinter der EU? Trilaterale Kommission , Bilderberger? Was sind die Interessen der EU? Westerwelle sagte es selbst: Es geht um Unternehmen die, unter dem Deckmantel einer EU, ihre Marktpositionen ausbauen wollen. Solchen Politikern darf die Bevölkerung nie wieder glauben,sondern endlich mal selbst nachdenken und sich gründlich informieren!

  9. dr kurz ma Says:

    Westerwelle war einer der ganz großen der deutschen Politik. Selbst als ganz Deutschland über ihn hergefallen ist (der Auslöser war damals der Artikel über die spätrömische Dekadenz), hat er seine Würde immer bewahrt und ist gegen niemanden ausfällig geworden.

    Heute wissen wir: Westerwelle hatte 100% recht, verteidigt hat ihn damals trotzdem niemand.

    Würdigen wir einen Mann, der für die Freiheit gelebt hat!


  10. Typisch Presse.
    1989 war man noch Aussiedler,kein Spätaussiedler.
    Auch sind nicht alles Russlanddeutsche,bis ca. 1997 konnte die angeheiratete Russische Familie mitkommen danach nur noch der Mann oder Frau mit minderjährigen Kindern.Das sind dann also Russen mit Deutscher Staatsangehörigkeit die aber wohl damit es nicht zu kompliziert wird unter das Aussiedlergesetz fielen.
    Die Presse wirft aber alles durcheinander sieher hier““In Gesprächen mit deutsch-russischen Sympathisanten“.nein Spätaussiedler sind keine Deutsch Russen Herr Journalist.

    Und natürlich wählen auch Schlesier etc. die AFD.

    Übrigens durften die Aussiedler nicht dorthin wohin sie wollten!
    Und nach der Gesetzesverschärfung wurde man selbst als Deutscher mit 2 ethnisch Deutschen Elternteilen nicht als Deutscher anerkannt wenn man den Deutschtest nicht beim ERSTEN MAL bestand!Und es kommt noch besser,Deutsch musste man von den Eltern gelernt haben!Bekanntlich war Deutsch im OStblock verboten aber was int. das unsere Politiker?

    Heutzutage kann man dagegen Deutscher werden ohne auch nur einen Deutschen Vorfahren zu haben,ohne ein Wort deutsch zu können und man muss auch nicht hier geboren werden.
    Mann braucht nur einen Vater der irgendwie den deutschen Pass bekam und schon ist man Deutscher.Und damit das auch alles bearbeitet weren kann suchen unsere Botschaften im Ausland Mitarbeiter mit diversen Sprachkenntnissen.


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