Safranski zu Merkels naiver, infantiler Asylmoral

27. Dezember 2015

safranski.rRottweil. Der in Rottweil geborene Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski (Foto) hat der Schweizer WELTWOCHE ein großartiges Interview über die naive, infantile, moralinsaure deutsche Asylpolitik von Merkel & Co gegeben. Den Flüchtlingsteil versteht jeder:

Politischer Kitsch
Die Weltwoche, Ausgabe 52/2015
Von Rico Bandle

Es ist ein wunderbarer Herbsttag, als wir uns in Badenweiler, einem Bade­kurort im Schwarzwald, treffen. Hier lebt Rüdiger Safranski, der mit seinen Büchern über deutsche Geistesgrössen wie E. T. A. Hoffmann, Nietzsche, Heidegger und ­Goethe auf den Bestsellerlisten landete. An dem idyllischen Ort scheinen die Weltpolitik, die Flüchtlingskrise weit entfernt. Und doch sind sie bei ­Rüdiger Safranski, der eben ein philoso­phisches Buch über die Zeit veröffentlicht hat, das ­zentrale Gesprächsthema.

Herr Safranski, niemand hat das Wesen des Deutschen so genau analysiert wie Sie. Was ist in Deutschland los?

Um es knapp auszudrücken: Es herrscht in der Politik eine moralistische Infanti­lisierung.

Und weniger knapp?

Deutschland hat nach 1945 als besiegte ­Nation ihre Souveränität verloren. Bis zum Mauerfall 1989 hatte Westdeutschland aussenpolitisch eine bequeme Existenz: Wir standen unter dem Schutzschild der Amerikaner und waren für nichts verantwortlich. Da wir nicht für uns sorgen mussten, wurden wir infantil. Wir wussten nicht mehr, was Aussenpolitik bedeutet. Erst 1989 wurde Deutschland wieder souverän und bewegt sich bis heute sehr unsicher auf dem internationalen Parkett. Wir schwanken zwischen ökonomischem Selbstbewusstsein und einem weltfremden Humanitarismus. Unsere Aussenpolitik wird zu einer moralischen Mission.

Die eigenartige Willkommenskultur, bei der Asylsuchende von einem Jubelchor empfangen werden, ist das Resultat ­davon?

Überall in Europa ausser in Schweden sagt man: «Die Deutschen spinnen.» Das Unreife der deutschen Politik kommt in der Maxime zum Ausdruck, bei Flüchtlingen dürfe man keine Grenzen setzen. Da wird etwas nicht zu Ende gedacht. Denn gemäss ­heutiger Praxis wären, gemessen an den hiesigen demokratischen und ökono­mischen Standards, zwei Drittel der Welt­bevölkerung in Deutschland asylberechtigt. Dass unsere Flüchtlingspolitik einem Denkfehler unterliegt, müsste einem spätestens da auffallen.

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat gesagt, bei der Flüchtlingsproblematik sollten wir zu «so etwas wie einer wohltemperierten Grausamkeit» fähig sein. Das Problem sei: «Die Europäer definieren sich selbst als gutartig und nicht als grausam, und es gibt auch eine entsprechende Publizistik, die erste Ansätze zu einer defensiveren oder grausamen Grundhaltung sofort als Zivilisationsschande höchster Grössenordnung denunziert.»

Man muss es gar nicht so stark formulieren. 1997 habe ich ein Buch geschrieben über das Böse. Da sage ich nicht, dass wir alle abgrundtiefe Teufel seien; zur Reife gehört aber, dass man um das Böse weiss, das in uns liegt. ­Deutsche Politiker sprechen dauernd von der Menschenwürde, die unantastbar sei. Man tut so, als sei die Menschenwürde ein allen ­angeborenes Organ wie Arme oder Beine. Das ist ein naives Menschenbild. Menschenwürde fällt nicht vom Himmel, sondern setzt ­einen funktionierenden Staat voraus, der sie in seinen Grenzen garan­tieren kann. Und dann muss man sich die Frage stellen: Wie kann man dieses Staats­gebilde erhalten? Das gelingt nur mit sehr strikten Regeln, sonst verliert der Staat seine integrierende, die Menschenrechte garantierende Kraft. Ich ­habe grosse Befürchtungen, dass unser Staat diese Kraft verliert, wenn wir in bestimmten Teilen der Gesellschaft eine islamische Mehrheit mit einer völlig anderen Wertvorstellung haben. Kurz: Man muss die gesellschaftliche Kohärenz stabil halten, damit der Staat die Menschenrechte garantieren kann. Wenn man sich das nicht klarmacht, so ist das ­verantwortungslos: Man will helfen und schwächt dabei die Institutionen, die überhaupt helfen können.

Erkennen Sie bei der Flüchtlingspolitik Deutschlands auch Wurzeln in der deutschen Geistesgeschichte? Könnte man zum Beispiel sagen, Deutschland habe sich Kants kategorischen Imperativ – man soll andere so behandeln, wie man selber ­behandelt werden möchte – zu sehr zu ­Herzen genommen?

Kant war ja sehr klug und hat den katego­rischen Imperativ als sittliche Forderung formuliert, die sich an den Einzelnen richtet. Er wäre nie auf die Idee gekommen, diesen auch für das Staatssubjekt geltend zu machen. Dass die Politik, vor allem in der internationalen Arena, nach einer ganz anderen Logik, nämlich der des staatlichen kollektiven Selbstbehauptungswillens, agieren muss, das war Kant vollkommen klar. Kant war auch überzeugt, dass es nie einen Weltstaat geben würde, dass die Welt sich auch weiterhin in einer Vielfalt von Staaten gruppiert. Er sagt zwar, es wäre wünschenswert für den ewigen Frieden, wenn es nur einen Staat gäbe, darüber müsse man sich aber gar nicht den Kopf zerbrechen, weil es ihn ohnehin nie geben werde. Die Menschen existieren durch ihre Sprachen und Kulturen in einzelnen Teilen.

Sehen Sie Parallelen zwischen dieser Utopie des friedlichen Weltstaats und der Idee des vereinten Europa?

Ja, und da kommen wir wieder auf ein typisch deutsches Problem. Deutschland hat nach 1945 eine Flucht in die Europa-Ideologie angetreten. Ich sage bewusst Ideologie, denn da war die übertriebene Erwartung, man könne das alte Europa der verschiedenen Nationen auflösen und daraus nach dem Vorbild der USA eine Art Vereinigte Staaten von Europa kreieren. Ein Grossteil der politischen Elite und der reflektierenden Öffentlichkeit in Deutschland sah darin ein Mittel, um den anrüchigen Nationalismus loszuwerden. Beim Volk ist diese Idee nie wirklich angekommen. Dort fand man es einfach nur gut, dass es keine Grenzkontrollen mehr gab und im west­lichen Europa Friede herrschte – und das ist ja nun wirklich die Hauptsache. Auf den sonstigen EU-Regulierungsfuror kann man ja gut verzichten. Er schadet nur.

Die Meinung war: Wenn man den Natio­nalismus überwindet, überwindet man den Krieg.

Das war ehrlich gemeint. Deshalb war die deutsche Politik mehr und mehr bereit, Souveränitätsrechte nach Brüssel zu transferieren. Spätestens in der Griechenland-Krise aber zeigte sich, dass in Europa – wie soll es auch anders sein – die Nationalstaaten ihr Gewicht behalten haben. Nur Deutschland hat das immer so gesehen, als ob die anderen dem Wunsch-Europa «untreu» würden.

Deutschland möchte seine Flüchtlinge in Europa verteilen. Wohl ein illusorisches Ansinnen.

Die deutsche Politik will nicht begreifen, was mit den osteuropäischen Ländern los ist: Die sind eben der Knute der Sowjet­union entkommen und wollen nun erst einmal die neugewonnene Souveränität geniessen. Sie möchten ihr Selbstbestimmungsrecht nicht gleich wieder nach Brüssel abgeben, bloss weil Deutschland mit seinem Europa-Traum das forciert. Die Deutschen blenden auch den histo­rischen Hintergrund der Abwehrhaltung in Osteuropa aus: Bulgarien war bis 1908 unter osmanischer Herrschaft. Die Türken standen Ende des 17. Jahrhunderts vor ­Wien. Das islamische Osmanische Reich war weit in den Balkan vorgedrungen. Das ist im kollektiven Gedächtnis dieser Länder präsent. Und es ist nun mal so, dass die grossen Flüchtlingsströme vor allem aus der islamischen Welt kommen.

Ist es nicht normal, dass starke Staaten den weniger starken ihre Wertvorstellungen aufdrücken wollen?

Die infantile Weltfremdheit, die sich dann im Moralismus ausdrückt, ist schon ein sehr spezifisch deutsches Phänomen. Grossbritannien und auch Frankreich sind diesbezüglich viel reifer. Die wissen zum Beispiel, dass es zu einem souveränen Staat gehört, dass er seine Grenzen kontrolliert. Wenn eine Staatschefin wie Angela Merkel sagt: «Wir können die Grenzen gar nicht mehr kontrollieren», reiht man sich ein unter die zerfallenden Staaten, wie jene in Afrika. Ein Brite oder Franzose würde das nie sagen, ein Schweizer auch nicht.

Sie überschätzen die Schweizer Politiker . . .

Jedenfalls sollten uns solche Aussagen höchst nachdenklich stimmen.

Sie gehören zu den wenigen Intellektuellen, die sich kritisch zur Europa- und Flüchtlingspolitik äussern. Bei diesen Themen herrscht unter Kultur- und ­Medienleuten sonst ein enormer Kon­formitätsdruck: Wer nur ein bisschen ­abweicht von der «Flüchtlinge willkommen»-Rhetorik, gilt als Unmensch, als Hetzer, womöglich als Rechtsextremer. Woher kommt das?

Einerseits lebt die linke und linksliberale Szene von einem verklemmten Verhältnis zur Nation. Die Selbstbehauptung einer Nation setzt aber ein unverklemmtes Verhältnis zu ebendieser Nation voraus. Bei deutschen Intellektuellen gibt es so etwas wie einen nationalen Selbsthass, der sich in einen realitätsfremden moralischen Universalismus flüchtet. In einem Land wie Deutschland, das so viel Schuld auf sich geladen hat, traut man sich nationale Interessenvertretung nur zu, wenn sie als moralische Mission oder als Europa-Ideologie verkauft werden kann. Deshalb auch die ganzen Multikulti-Vorstellungen. Vor einigen Jahren, als bereits schon viele Wirtschaftsflüchtlinge ins Land kamen, kur­sierte im linken Milieu der Spruch: «Lasst uns nicht mit den Deutschen allein.» Zur Selbstverachtung gehört ein Geschichtsbild, das grosse Strecken der deutschen Ge­schichte ­lediglich als Vorgeschichte von 1933, also der Machtergreifung Hitlers, versteht. Das führt dann zu Forderungen wie jener von Joschka Fischer, dass Auschwitz der Begründungsmythos für deutsche Identität sein sollte. Es führt aber auch zu absurden Situationen wie beim Fall Martin Heid­egger, unzweifelhaft einer der grössten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Weil er tatsächlich ein National­sozialist gewesen ist, gibt es auch unter jüngeren ­Intellektuellen sehr viele, die sagen, Heidegger könne man nicht mehr lesen, auch nicht sein geniales Hauptwerk von 1927, «Sein und Zeit». Leute, die Heidegger sowieso nie gelesen hätten, können sich jetzt gut fühlen und sagen, der sei kontaminiert, man dürfe sein Werk nicht mehr in die Finger nehmen.

Nach dieser Logik dürfte ich jetzt nicht mit Ihnen sprechen, schliesslich haben Sie 1970 die maoistische Kommunistische Partei Deutschlands mitbegründet.

Ja, natürlich. Das geschah in der Folge der 1968er Bewegung. Eine aufregende Zeit. Wollen Sie das wirklich hören?

Ja, gerne.

Am Anfang der Bewegung standen der Aufbruch, die neue heisse Musik aus Grossbritannien und Kalifornien, das Antiautoritäre, die neuen Bücher, die erotische Befreiung – das war alles grossartig und aufregend. Dann kam eine Zäsur, eine Selbstdogma­tisierung mit sogenannten K-Gruppen, das waren kommunistische Sekten. Ich war auch in einer. Diese Gruppen orientierten sich an Mao Zedong, an der chinesischen Kultur­revolution. Natürlich nur darum, weil man nicht wusste, was da tatsächlich geschah. Wir fanden es unglaublich faszinierend, wie ein Parteiführer angeblich die Massen zu ­einem Aufstand gegen den eigenen Apparat aufrief. Der Tyrann Mao als Antiautoritärer: ein schreckliches Missverständnis. In Frankreich führten die Philosophen André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy diese Bewegung an. Bei mir hörte das gottlob nach vier Jahren auf. Alles in allem war das ein Zeichen von sehr, sehr beschädigter politischer Urteilskraft. Ein bisschen peinlich ist mir das schon, aber das gehört zu meinem ­Leben.

Wie hat diese Erfahrung Ihr Denken ­be­einflusst?

Ich weiss jetzt, was eine totalitäre Versuchung ist. Insgesamt war das aber alles mehr ein Kasperletheater, keine Tragödie, sondern eine Komödie. Ein Verfassungsschutzbeamter hat später einmal gesagt: Diese Maoisten, die frühmorgens wohlorganisiert vor den Fabriktoren standen und den Arbeitern Flugblätter verteilten, hätten ihnen nie Sorgen gemacht, die hätten sich ja selber diszipliniert. Das stimmte, wir haben viel ge­arbeitet, schon morgens um sechs standen wir an den Werkstoren, obschon die Arbeiter von dem Ganzen natürlich nichts hören wollten. Andere mit diesem Fokus der 68er sind dann in den Terrorismus gegangen, das war wirklich nicht unsere Sache. Wir haben so eine Art Selbstverbeamtung im selbst­geschaffenen Parteiapparat für die Welt­revolution betrieben.

Wie merkt man, dass man einen ideolo­gischen Irrweg eingeschlagen hat? Geschieht dies schleichend, oder merkt man das plötzlich?

Bei mir lief es auf eine Doppelexistenz hinaus, indem ich abseits der Sekte weiterhin Proust las, Schopenhauer und so fort. Man kann zwei Welten im Kopf haben, das war bei mir schon als Heranwachsender so, als mich meine pietistische Grossmutter mit harter Hand zu den Frommen brachte, während mein Vater unverdrossen den Atheisten herauskehrte. Prophet links, Prophet rechts, ich konnte mich als Weltkind in der Mitte fühlen. So war es auch: Ich liess in­stinktiv ­sowohl das eine wie das andere gelten. Ich war also in der geistigen Doppelexistenz ­geübt, als ich tagsüber Marx und Mao las und abends Proust und Schopenhauer. Als ich mich Mitte der siebziger Jahre aus der Szene löste, machten wir dann mit gleich­gesinnten Freunden eine Zeitschrift, die ­Berliner Hefte, wo man gründlich und lustvoll darüber nachdachte, was das denn für eine verrückte Geschichte war, von der man sich ­soeben ­verabschiedet hatte: auch eine Vergangenheitsbewältigung. Offenbar können wir in Deutschland das ganz gut.

Galten Sie als Aussteiger, als Verräter?

Ja, so in die Richtung, aber es war mir ziemlich egal, weil ich das Ganze inzwischen als lächerlich empfand. Nicht zu Unrecht, denn grossen Schaden hatten wir ja nicht angerichtet, ausser dass wir die eigenen Karriereaussichten beschädigt hatten. Seitdem leiste ich mir eine Verachtung für die Karrieristen.

Sie haben sich seither nicht mehr politisch engagiert, sehr wohl aber politisch geäus­sert. So haben Sie vor einigen Jahren gesagt: «Die Vergangenheit war sehr stark davon geprägt, dass sich die einzelnen Kulturen in ihrer Unverwechselbarkeit profiliert ­haben.» Heute erscheint das wie ein Plä­doyer dafür, die Grenzen zu schliessen.

Ja, so sehe ich das immer noch. Das Schöne an Individuen ist doch, dass jeder sein individuelles Gepräge hat. Schrecklich ist der Konformismus, wenn jeder ist wie der andere und keiner er selbst. Darüber schreibe ich übrigens jetzt ein Buch: über den Einzelnen. Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für Kulturen. Es ist überhaupt nicht erstrebenswert, eine europäische Kultur künstlich erfinden zu wollen. Europäisch ist, dass es viele Staaten, Staatsvölker, Sprachen und Kulturen gibt. Das ist der Reichtum. Es ist Verarmung, diese Vielfalt ­irgendwie auf einen gemeinsamen Nenner herunterzuziehen. An der deutschen Literatur, Philosophie oder Malerei ist gerade zu bemängeln, dass es inzwischen zu wenig Sonderweg gibt, dass alles so ist wie überall. Wie wunderbar anders war das zum Beispiel zur Zeit der Romantik oder des deutschen Idealismus. Auch Nietzsche oder Wagner sind ein unverwechselbar deutsches Gewächs, ebenso wie etwa für die deutschsprachige Schweiz ein Jeremias Gotthelf oder ein Gottfried Keller. Meine Bücher sind ein Versuch, die im Guten wie im Bösen starken Elemente der deutschen Kultur sichtbar zu machen. Man muss auf das Besondere zielen, um etwas Allgemeines zu treffen.

Was macht denn die Besonderheit des deutschen Denkens aus?

Die metaphysische Tendenz. Also dass man über dem Realismus noch etwas Grösseres sieht, dass man sich eine weitere Sphäre erschliesst, jenseits der etablierten Religion. Besonders in der Zeit des deutschen Idea­lismus nahm man sich die Freiheit zur ­gedanklichen Grenzüberschreitung, zur Trans­zendenz. Diese faszinierende deutsche Eigen­heit verknüpft sich aber mit ­einem ­Defizit, das vor allem im Politischen zum Tragen kommt: mit dem fehlenden Realismus. Der metaphysisch-romantische Zug hat unsere politische Urteilskraft geschädigt. Ich liebe die Romantik, aber nicht die politische Romantik.

Kann man so zusammenfassen: Nachdem Nietzsche Gott für tot erklärt hat, suchte man anderswo das Übersinnliche, was zum übertriebenen Moralismus geführt hat?

Ja, natürlich. Ich knüpfe an Max Weber an, der zwischen Gesinnungsethik und Verant­wortungsethik unterschieden hat. Als In­dividuum kann man sich der Gesinnungsethik verpflichtet fühlen und allen Flüchtlingen helfen – obwohl das bei jenen, die sich diesbezüglich exponieren, meistens nur Rhetorik ist. Aber die Politik muss verantwortungsethisch handeln. Zurzeit ist aber in der Politik die grosse Stunde der ­Gesinnungsethik, wie Merkel sie uns vorführt. Auch wenn sie jetzt zurückzurudern versucht, der Schaden ist angerichtet. Wir werden bei diesen gewaltigen Zahlen eine ­islamische Parallelgesellschaft bekommen mit allen fatalen ­Folgen.

Der Politiker muss also trennen können zwischen seinem Gefühlszustand und dem, was langfristig gut ist für das eigene Land.

Nietzsche hat in seinem besten Moment ­genau für diese Trennung plädiert, die ich in meinem Buch «Zweikammersystem» genannt habe. Er sagte: Auf der einen Seite ­müsse kulturell aufgeheizt, auf der anderen politisch abgekühlt werden. Die moralische Mission müsste demgemäss auf das politisch Mach- und Verantwortbare herunter­gekühlt werden. Das erst wäre politische ­Reife.

In Ihrem Buch über das Böse schreiben Sie: «Das Böse ist der Preis der Freiheit.» Ist der Preis der Freiheit nicht auch, dass nun viele Leute nach Europa kommen, die von der Freiheit in unserem Sinne nichts wissen wollen?

Freiheit schliesst in grossem Massstab die Selbstzerstörung als Möglichkeit mit ein. Um in einer freiheitlichen Gesellschaft zu ­leben, bedarf es einer dazu passenden ­Mischung aus Gewohnheit und Erziehung. Viele muslimische Zuwanderer bringen das nicht mit. Und unser Land ist viel zu wenig mit sich selbst in Übereinstimmung, um einen glaubhaften Integra­tions­druck erzeugen zu können. Ein Grossteil der Flüchtlinge sind junge Männer im besten Alter, bei denen man sich wundert, weshalb die ihre virile Energie nicht gebrauchen, um ihr Land wieder in Ordnung zu bringen. Manche von ihnen ­haben dort gegeneinander gekämpft, und sie werden ihre Verfeindung hierhertragen und hier unter komfortableren Bedingungen ihre Kämpfe fortsetzen. Ich höre schon den Vorwurf der Islamophobie. Aber den politischen Islam haben wir tatsächlich zu fürchten, wenn wir ihn nicht dort, wo er uns feindlich gesinnt ist, entschieden bekämpfen. Wenn wir nicht aufpassen – und die gegenwärtige politische Führung passt nicht auf –, werden wir französische Verhältnisse bekommen mitsamt Terrorismus und islamischem Antisemitismus. Eine ­Bedrohung auch für ­unsere jüdischen Mit­bürger.

Es gibt doch durchaus Beispiele, wo die ­Integration gelingt.

Gewiss, und das ist dann auch wirklich ­eine Bereicherung. Aber nötig ist eine realis­tische Haltung: Es dürfen ganz einfach nicht zu viele sein, sonst wird aus dem Gut­gemeinten eine böse Überraschung. Ein ­gesundes Misstrauen ist also bei solchen ­Völkerwanderungen angebracht, das zeigt die Geschichte.

Was ist eine «realistische Haltung»?

Im Gefühl der Hilflosigkeit hat sich der ­kitschige Spruch eingenistet, man müsse das Problem «an der Ursache» bekämpfen. Das ist kitschig, weil verlogen, denn welche Selbst­über­schät­zung liegt in einer solchen Aussage! Die Ursachen dieses gigantischen Zerfalls im Nahen Osten sind dermassen komplex, dass es völlig unmöglich ist, sie von aussen beseitigen zu können. Eine ­reife, ­realistische Urteilskraft würde zum Schluss kommen: Das sind Zerfalls­prozesse, bei ­denen die meisten Eingriffe, siehe die beiden Irakkriege, Afghanistan und ­Libyen, die ­Sache nur noch schlimmer ­machen. Den Brand wird man nicht löschen können, es ist viel erreicht, wenn man das eigene Haus ­wenigstens notdürftig ­bewahrt.

Die Flüchtlinge sind jetzt nun mal unterwegs, was kann man denn machen, um ­diese gewaltigen Ströme aufzuhalten? Kann man sie überhaupt aufhalten?

Man muss in der Nähe der Bürgerkriegs­gebiete Zonen schaffen, wo die Flüchtlinge in Sicherheit sind, bis der Krieg beendet ist. ­Etwas anderes kann es nicht geben. Es ist schlicht undenkbar, dass alle acht Millionen, die in dieser Region auf der Flucht sind, nach Deutschland kommen. Das Asylrecht war nicht für solche Völkerwanderungen gedacht, man kann es deshalb auf Dauer so nicht aufrechterhalten. Es reicht nicht, von Begrenzung zu reden, man muss notfalls auch Grenzen schliessen. Dann wird der Druck auch grösser, sichere Zonen für die Flüchtlinge in der Nähe ihrer angestammten Gebiete zu schaffen, die von europäischer ­Seite allerdings mit grossen Finanzmitteln unterstützt werden müssten.

Sie haben kürzlich mit der Aussage für ­Aufmerksamkeit gesorgt, Sie wollten als Bürger gefragt werden, bevor das Land mit Flüchtlingen geflutet werde.

Merkel hat ganz einfach nicht das demo­kratische Mandat, ein Land so zu verändern, wie das der Fall ist, wenn binnen kurzem Abermillionen islamische Einwanderer im Land sind. Immerhin hat sich Merkel beim Amtseid verpflichtet, Schaden vom deutschen Volk abzuwehren.

Sie tönen pessimistisch.

Die «Willkommenskultur» war zunächst eindrucksvoll, weil es spontan zu gross­zügigen Gesten und Aktivitäten kam. Dann aber wurde daraus, von den Medien angeheizt, politischer Kitsch – moralistisch, aber nicht verantwortungsbewusst realistisch. Grenzenlosigkeit gibt es über den Wolken, in den Niederungen unseres irdischen Lebens aber haben Grenzen eine ganz elementare ­Bedeutung – das könnte eine Lektion der ­gegenwärtigen Ereignisse sein.

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Bei der WELTWOCHE ist der Text nur für Abonnenten, aber diese Seite hat das Interview kopiert:

https://psychosputnik.wordpress.com/2015/12/25/leave-us-not-alone-with-the-germans/

Zu Safranski, dessen Eltern am Ende des Krieges als Flüchtlinge aus Ostpreußen nach Rottweil kamen und der hier zur Schule ging, guck auch da: Rüdiger Safranski!

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17 Antworten to “Safranski zu Merkels naiver, infantiler Asylmoral”

  1. Schantle Says:

    Safranski ist für Rottweil ein schweres Plus! Wir bräuchten noch mehr davon!

  2. Bergbewohner Says:

    Unser Narrenpapst könnte sich doch auch mal aus der Deckung wagen und etwas Gescheites sagen oder schreiben.

  3. Häberle Says:

    Wow! Welche Klarheit der Sprache und Argumentation! Wenn man das mit dem seichten Gestammel vergleicht, das bspw der Spon als „Argumentationhilfe“ zu Flüchtlingsfrage anbot sind das Welten! Bitte an Alle: verbreitet diese Interview an alle die Ihr kennt!

  4. Häberle Says:

    @Bergler habe unten schon mal auf den einzigen bemerkenswerten Gedanken in Gaucks W’ansprache hingewiesen als er eine offene Diskussion der Flüchtlingthemas forderte. Und kein halber Tag kommt die linksgrüne Meute von Schäuble bis Beck und stellt „Dumpfbacken“ von der AfD als Nazis etc. dar.
    Wenn der Alte also mal einen seltenen, lichten Moment hat, wird er gleich wieder vom geballten linksgrünen Mainstream zurückgepfiffen!

  5. Pegasus Says:

    Neues aus der infntilen Welt der Merkel und Faymanns.
    Da werden Flüchtlinge aus Griechenland mit Bussen abgeholt. Ziel Deutschland und Österreich:
    http://www.info-direkt.eu/neues-vom-reisebuero-merkel-faymann/

  6. Pegasus Says:

    Ganz ungewohnter Bericht des Tagesspiegels, der eigentlich auch zu den Mainstream-Medien gehört. Ändert sich nun doch deren Meinung mit diesem Kommentar eines ehemaligen SPD-Innensenators oder bleibt es eine Eintagesfliege?
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/fluechtlinge-in-deutschland-angela-merkel-fuehrt-uns-hilflos-ins-chaos/12761342.html

  7. klepfer Says:

    Safranski ist der beste Beweis, dass ein ursprünglich verwirrter Linker sich in einen weisen Intellektuellen verwandeln kann. Er drückt die Dinge sehr griffig aus. 🙂

  8. klepfer Says:

    @schantle

    Zu den lustigen Kulturunterschieden: Mich würde es überhaupt nicht stören, wenn die beiden Afghanen ihre Ziegen geschlachtet hätten. Wir haben früher zumindest ja auch unsere Hühner und Kaninchen geschlachtet. Was spricht dagegen wenn Asylbewerber schlachten wenn es schnell und versiert geschieht?

  9. Schantle Says:

    klepfer

    hab ja geschrieben „lustig“! Ich habe sehr gelacht, aber:

    Ob dich das stören würde, da wäre ich vorsichtiger. Es kommt auf den Wohnort an. In einem Hochhaus hätten die Afghanen den Ziegen in der Badewanne den Kopf abgesäbelt und sie mit dem Messer zerlegt, auf dem Dorf vielleich im Freien vor dem Haus, und das ganze Dorf hätte zugeguckt, besonders unsere veganen Öko-Kinder, die Ziegen nur streicheln.

    Das geht ja nicht ums Himmels willen. Und die Knochen wären in der blauen Papiertonne oder in Nachbars Garten gelandet und so weiter. Und jetzt stell dir mal eine Million Moslems vor, die wir gerade in 1 Jahr willkomen geheissen haben, macht mindestens 100.000 Ziegen und Hühner beim nächsten islamischen Opferfest, wenn du gerade mit dem Zug nach Villingen willst, ist der vielleicht voller Hühner, Gänse und Ziegen und du hast einen Stehplatz.

    Oder wie die Schwäbsche Eisenbahn: bindet ihn der gute Ma, hinta an de Wage na!

    Auch da sieht man, wie blauäugig unser Ökomüslis sind. Die werden sich noch wundern, was bald abgeht!

  10. klepfer Says:

    Jaja. Das war für mich als Kind schon heftig, als unser Nachbar beim Schlachten mit der Elektrozange eine gefühlte 1/4-Stunde rumbruzzelte und die Sau wie wild quiekte bevor sie endgültig eins mit der stumpfen Seite des Beils übergebraten bekam. Die Hausschlachtung in den 1970er Jahren war ein wahrhaft blutiges Geschäft und nix für tierschutzbewegte Damen in der Menopause.

    Irgendwie fände ich es nach wie vor gar nicht schlecht, wenn auch kleine Ökos lernen wie das Schnitzel in den Topf kommt.

    Du hast natürlich recht, wenn Du sagst, dass das simultane Schlachten von 100.000 Stück Kleinvieh den öffentlichen Frieden stören könnte. Vielleicht kann man den Muselmanen ja vorschlagen, zukünftig am Opferfest einen „Opferburger“ von McDonalds für die Bedürftigen zu spenden. Dazu könnte man ja diverses Kleinvieh hinter dem amerikanischen Spezialitätenrestaurant zusammentreiben, tiergerecht keulen und in einen Spezialfleischwolf einwerfen. Yammi Yammi. So könnte Ronald McDonald endlich zum sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft mit beitragen. Das Foto mit Frau von der Leyen im Kampfanzug gibt es inclusive!

    Verrückte Welt.

  11. Pegasus Says:

    Einfach so werden in Deutschland Gesetze von der Bundesregierung außer Kraft gesetzt. Das heißt die Merkel, und ihre Mitläufer machen sich schuldig wegen Gesetzesbruchs. Die Mitläufer sind unter anderem alle OB’s, Landräte, Stadtverwaltungen und Flüchtlingshelfer, weil sie an diesen Gesetzesbruch aktiv daran beteiligt sind!

  12. gunst01 Says:

    Politik, auch die deutsche, ist nie naiv sondern berechnend und bedient Forderungen die an sie gestellt werden. Mit ihrer Hilfe zur Entvolkung Syriens leistete Merkel einen Bärendienst für die Anrainer. Nun ist es ein Leichtes für sie das Land entsprechend den Machtinteressen aufzuteilen.

  13. floydmasika Says:

    Hat dies auf PEGIDA BAYERN rebloggt und kommentierte:
    Wir erwähnten den Bericht bereits hier: http://pegidabayern.com/2016/01/29/sloterdijk

  14. Brendt,H Says:

    Einfach eine faszinierende aber auch befreiende intellektueiie Logik von Herrn Safranski…frage mich, warum ich erst jetzt davon erfahren durfte ? Medien ..? Nichts gehört,nichts gelesen … ausser die sattsam bekannte und besudelnde „staatstragende Echolallie “ der dummen Intellektuellen in Politik, Medien, Arbeitgeber und nicht zuletzt Arbeitnehmervetreter.
    Hoffe sehr, dass die sogenannten Kabarettisten dieses Interview lesen..damit das einsilbige „Große Klattschen“ der entmündigten Zuhörer endlich einen Sinn bekommt.

  15. Peter Kästner Says:

    Besser kann man es nicht sagen !


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